Hier wollen wir mal unseren Flyer zum Benefizspiel, Roter Stern vs. BSG Chemie veröffentlichen:
Am 24.10.2009 wurde das Bezirksklassespiel zwischen dem FSV Brandis und Roter Stern Leipzig kurz nach Anpfiff von Neonazis/Hooligans überfallen. Die ca. 50 Angreifer gingen brutal mit Holzlatten, Eisenstangen, Stahlprofilen, Steinen und Feuerwerkskörpern gegen die Fans, Vereinsvertreter_innen und Spieler des RSL vor. Während des Angriffs waren die RSL-Anhänger_innen auf sich selbst gestellt, glücklicherweise konnten die Sterne die Nazis/Hools zurück drängen. Bei dem Angriff wurden drei Personen schwer verletzt, mehrere Personen erlitten leichte Verletzungen, von den traumatischen Erlebenissen bei allen Anwesenden ganz zu schweigen. Eine Person wurde so schwer verletzt, dass sie für immer unter den Folgen zu leiden hat. Hauptsächlich dafür wird Geld gesammelt, weil Behandlungen und Verdienstausfall immer anhalten werden.
Vier Nazis/Hools wurden mittlerweile verurteilt. Erik K. bekam 2 Jahre und zwei Monate für Brandis und weitere 6 Monate für eine gebrochene Bewährung. NPD-Kandidat Christian K. wurde zu 3 Jahren Haft verurteilt. Robert I. wurde zu 2 Jahren und 10 Monaten verurteilt und das letzte Urteil ging an Alexander L., 2 Jahren und 4 Monate.
Der Angriff ist, neben dem Angriff auf die Sachsenstube und dem Angriff vor der Ernst-Grube-Halle, wohl einer der schwersten Angriffe der letzten Jahre im Leipziger Fußball und auf die Vereine Roter Stern Leipzig und der BSG Chemie gewesen. Das heißt, in beiden Vereinen weiß mensch was Gewalt von Nazis/Hools im Fußball bedeutet. Und in beiden Vereinen haben Fans und Verein mit den Konsequenzen bis heute zu leben. Das bedeutet riesige Polizeiaufgebote in der 8. oder 10. Liga, Angst vor Auswärtsfahrten oder überhaupt noch zum Spiel zu gehen. Für einige Fans bedeutet es sogar Verfolgung von Nazis/Hools bis ins Privatleben hinein. Jugendliche werden vor Schulen abgefangen, in der Straßenbahn beraubt, Scheiben werden eingeworfen oder Mollis fliegen auf das Fanprojekt. Das alles kann es bedeutet Fan vom Roten Stern oder der BSG Chemie zu sein.
Umso wichtiger und schöner ist es, diese beiden Vereine heute gegeneinander spielen zu sehen und sich damit gegenseitig zu unterstützen.
Damit treffen auch zwei Fanlager und Vereine aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Bei der BSG finden wir wohl eine der fittesten Ultragruppen Ostdeutschlands, die fast jedes Spiel mit Pyrotechnik, ausgefallenen Choreografien und andauernden Gesang zu einem Highlight der Woche werden lassen. Beim RSL finden wir einen der politisch engagiertesten Vereine, wahrscheinlich deutschlandweit, mit einem bunt gemischten Haufen an Fans und einer sich von vielen Vereinen abhebenden Vorstellung von Fußball. Das andauernde singen wird hier eher als lästig und nervig empfunden und kommt eigentlich nur in feuchtfröhlicher Stimmung vor. In beiden finden wir etwas, welches wir als Fans sehr schätzen und mögen.
Doch wir wollen die Chance dieses Spiels auch nutzen, um einige kritische Gedanken in beide Richtungen los zu werden.
Was dem RSL zu viel nachgesagt wird (politisches Engagement), kann bei der BSG und auch bei den Ultras bemängelt werden. Hier ist es gerade in letzter Zeit häufiger zu Aktionen gekommen, wo mensch sich ein engagierteres Vorgehen, der früher als antirassistisch geltenden Ultras, gewünscht hätte. Wir schreiben früher, weil wir uns da nicht mehr so sicher sind. Es gab zwar diese Saison eine Choreo mit „LOVE FOOTBALL, HATE RACISM“, aber auch ganz viele Ereignisse bei denen geschwiegen wurde und nichts passierte. Wenn dann sind es immer die sogenannten „Politleute“ oder „Antifas“ die reagieren, während der Rest es einfach zu ignorieren scheint. Ereignisse die wir meinen und die uns ärgern, auf die es, bis auf besagte Menschen, kaum Reaktionen aus der Ultrakurve gab: Nazis (sogar Lokist) am Grillstand mit Thor Steinar-Scheiß, der „Zecken“ und auch Chemiker in Grimma angreift. Weitere Nazigäste wie die Metastasen, die ihre scheiß Lieder singen können. „Juden Jena“ Rufe beim Magdeburgspiel, die Kurve schweigte dazu, applaudierte dann aber direkt danach über die „Lok und Halle Hurrensöhne“ Gesänge. Auch auf die „Nur ein Leutzscher ist ein Deutscher“ Schals am Merchandisestand, keine Reaktion.
Wir fordern eine Reaktion aus der Kurve, eine Ultrakurve, die sich mit einem antirassistischen Konsens gegründet hat. Es kann nicht sein, dass mensch dort jetzt Diskussionen über Fußball sei doch „unpolitisch“ führen muss. Also kommt mal wieder aus dem Arsch.
Ein Etikett kann sich jede/r geben, es muss aber auch mit Leben gefüllt sein.
Beim RSL ist auch nicht alles Gold was glänzt, mensch findet hier sogar im Vergleich zur BSG mehr Alkoholleichen am Rand (auch wenn es Besserungen gibt), was hier durch Gesang die Kehle nicht verlässt kommt durch Freund Alkohol in sie hinein. Dies hat nicht nur eher anstrengende Zuscher_innen zur Folge, sondern führt meist für gegnerische Spieler und den Schiedsrichter zu vielen diskriminierenden Pöbeleien. Auch das bis heute fast kein Mensch bei den Prozessen zum Naziüberfall in Brandis zu gegen ist, ist für die sich meist doch als politisch verstehende Fans des RSL, ein Armutszeugnis. Damit werden die Verletzten des Vorfalls und auch die Menschen die dort immer wieder vor den Nazis/Hools aussagen müssen im Stich gelassen. Wichtig wird es jetzt besonders bei den kommenden Prozessen in Grimma, bei denen auf jeden Fall mit Nazipräsenz zu rechnen sein wird. Für all diejenigen, die Fans des RSL sind und sich auch nicht als politisch begreifen, hätten wir eine Frage: Was macht ihr hier dann eigentlich? Bei einem Verein der sich ganz klar als antifaschistisch bezeichnet und ein linkes Projekt ist.
Womit wir auch schon bei einem der größten Problemen in beiden Vereinen wären, der Konsumhaltung. Beide Vereine sind außergewöhnlich in dem Positiven was sie auszeichnet. Gemeinsam ist ihnen, dass daran nur wenige Personen beteiligt sind. Hier fragt sich, wenn ihr schon für beide Vereine auch körperlich angegriffen werdet und ihr dennoch immer wieder kommt. Warum macht ihr so wenig dafür, dass der Verein erhalten bleibt? Und lasst die wenigen Menschen, die dafür sorgen, dass ihr euch jede Woche im Stadion so gut fühlen und entspannen könnt, so alleine?
Wir denken, da geht noch mehr, beim RSL und bei der BSG, aber nur wenn mehr Leute mitziehen. Also erholt euch in der Sommerpause und lasst uns gemeinsam nächste Saison den Leipziger Fußball auf den Kopf stellen.
Auf geht’s rot-schwarz-grün-weiße Kurven!
Juni 2010 Redaktion TatortBrandis (Fans des RSL und der BSG)
Ihr findet uns auf www.tatortbrandis.blogsport.eu
Pfehler sind jewollt und könnta bahalten!
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Das Spiel endete übrigens 5:O vor mehr als 700 Zuschauer_innen. Einen Spielbericht vom Roten Stern findet ihr hier:
http://www.roter-stern-leipzig.de/spiel1766.html
Bilder von der Seite der BSG Chemie:
http://www.chemie-leipzig.de/galerie/cpg1418/thumbnails.php?album=82
Videos:
Noch was wollen wir zu den Ultras der BSG Chemie sagen, wir wollten mit der Kritik im Flyer auch eine Reaktion der Ultras provozieren. Dazu passt dann dieses Bild beim Spiel von den Ultras ganz gut:
Wir verstehen das von den Macher_innen durchaus als Spaß und Ironie (soweit wir mit einigen reden konnten), finden es aber dennoch mehr als unpassend für eine Kurve in der eine Großteil genau das denkt was dort steht. Damit verliert es an Witz und ist daher leider als ernst gemeint zu verstehen. Damit wird nochmal, die schon in den Flyer genannte Kritik, bestätigt. Die Kurve hätte sich so ein Spruchband erlauben können, wenn es gegen die beschriebenen Vorfälle (wovon nicht mal alle benannt wurden) versucht hätte etwas zu unternehmen oder es wenigsten Stellungnahmen dazu gegeben hätte. So zeigt sich jedoch nur immer mehr, dass sich die Kurve von einem antirassistischen Konsens verabschiedet und auch hier sich der Gedanke eines „unpolitischen Fußballs“ ausweitet.


1 Kommentar zu “„Benefizspiel, wofür eigentlich nochmal?“”