[Update] Hier findet ihr alles zur „Unschuldigkeit“ von Brandis [/Update]

Hier wird in kürze dargelegt weshalb die Aussage des FSV Brandis „jungfräulich, unschuldig“ nichts mit der Realität  in Brandis zu tun hat. Welche Nazis sich im Verein wie und wo tummeln und weshalb dem FSV Brandis mehr bekannt war als er in den letzten Wochen in der Presse zugeben möchte. Auch welche Nazis am Angriff beteiligt waren und welche Strukturen dahinter stehen soll Thema werden.

Also seid gespannt…

So lange lohnt es sich mal diesen Artikel der Zeit zu Nazis beim 1. FC Lokomotive Leipzig durch zu lesen und das Dossier zum Thema „Fußball und Diskriminierung am Beispiel Leipziger Fußballfans“ auf Chronikle.

Angriff von rechts außen

Neonazis unterwandern die Fanszene des Fußballklubs Lokomotive Leipzig. Ein Stadionverbot hält sie nicht ab – über das Internet und per SMS organisieren sie sich ohnehin viel effizienter

Als Holger Apfel, der Chef der sächsischen NPD, am Sonntagabend durch die überfüllten Flure des Dresdner Landtages eilt, weil er den Wiedereinzug seiner Partei ins Parlament feiern will, ist da immer ein Mann, der ihm eine Schneise durch die Menschen öffnet. Der schiebt und drückt und drängt. Marco Remmler, einer von Apfels Leibwächtern. Und während sich der Parteichef vor immer neuen Fernsehkameras aufbaut, wartet Remmler an einer Absperrung, bevor er seinem Boss die nächste Schneise schlägt. Schneisen schlagen, das ist Remmlers Aufgabe, in der sächsischen Politik, im sächsischen Fußballmilieu. Überall sucht er Wege, die in der Mitte der Gesellschaft enden sollen. Sein wichtigster führt zum Bruno-Plache-Stadion von Leipzig, wo der Fußballverein 1. FC Lokomotive Leipzig spielt.

Es ist der 25. Juli dieses Jahres, als Remmler dort mal wieder seinen »nationalen Dienst« verrichtet, ein Nachmittag, an dem der Verein ein Familienfest für seine Fans ausrichten will, mit Buden und Hüpfburg. Und an dem sich Klubpräsident Steffen Kubald wieder einmal besorgt fragen muss: Wie viele sind es dieses Mal? Was haben sie vor? Draußen von dem Stadion warten die Nazis, sprechen Besucher an. Kubald läuft über das Gelände, bittet Vereinsfreunde um Rat, spricht mit Sponsoren. Was kann er tun? Wie soll sich ein Amateurklub aus der fünften Liga verhalten, wenn ihn Rechtsextreme vereinnahmen wollen? Kubald, der ehrenamtliche Vereinspräsident, ruft die Polizei. Sicherheitshalber.

Draußen vor dem Stadion mit seinen Holztribünen und verrosteten Zäunen freut sich Remmler mit seinem Kompagnon David Lohse derweil darüber, wie die Nervosität da drinnen den Frohsinn erstickt. »Das war unser Ziel«, sagt Lohse, »wir sind Gesprächsthema.« Er trägt eine rote Windjacke, darauf der Schriftzug »Sozial geht nur national«. Hinter ihm steht ein altes Wohnmobil, dunkelgrün. Das Wahlkampfauto der NPD. »Lok ist unsere Zielgruppe«, sagt Remmler. Er und Lohse heißen in Wirklichkeit anders – die Kämpfer für ein neues Deutschland trauen sich nicht, mit ihrem richtigen Namen in der Zeitung zu stehen.

»Ich möchte euch hier nicht sehen«, sagt Vereinspräsident Kubald, als er vor dem Stadiontor auf sie trifft. Kubald wirkt wie aus einem Fels geschlagen, geschorene Haare, Hände wie Schaufeln. Er bemüht sich, ruhig zu bleiben. Remmler und Lohse geben sich verständnisvoll, sie sind nicht so dumm, fremdes Hausrecht zu verletzen. Ihr Wahlprogramm verteilen sie auf öffentlichem Grund. Doch wer ins Stadion will, muss an den Nazis vorbei. Fans bleiben stehen, greifen nach Aufklebern, Kugelschreibern, Feuerzeugen der NPD. Ein älterer Mann nimmt seinen Mut zusammen und brüllt die Rechtsextremen an: »Soll ich eure Scheiben einschmeißen? Was soll dieses hässliche Grün?«

Ihm missfällt die Farbe des Autos. Es ist die Farbe des FC Sachsen, des größten Rivalen in der Stadt.

Das Plache-Stadion liegt in Probstheida, im Südosten Leipzigs. Die neu erblühte Stadtmitte ist nur fünf Kilometer entfernt, doch hier draußen sind die Häuser unsaniert, die Straßen voller Schlaglöcher. Jeder sechste Bewohner sucht nach Arbeit, an den Laternen kleben die Plakate der NPD. In Probstheida gibt es zwei Volksbewegungen: die Rechtsradikalen und die Fußballszene. Remmler und Lohse sind dabei, sie zu vereinen.

Viele ostdeutsche Traditionsvereine haben ein Problem mit rechtsextremen Fans: Dynamo Dresden, der Hallesche FC, Hansa Rostock. Sie kämpfen gegen Nationalismus und Rassismus in den Reihen der eigenen Anhänger. Doch in keinem anderen Klub ist die NPD so nah an die Fans herangerückt wie bei Lokomotive Leipzig.

Die Gegner werden als »Juden« und »Zigeunerpack« beschimpft

Einmal stellten sich Lok-Fans im Stadion so nebeneinander auf, dass ein riesiges menschliches Hakenkreuz entstand. Auf Transparenten stand: »Wir sind Lokisten, Mörder und Faschisten«. Die Gegner wurden als »Juden« und »Zigeunerpack« beschimpft. Nachts beschmierten Fans die Stadionwände mit fremdenfeindlichen Parolen. Und in der Woche vor den Landtagswahlen schob sich ein NPD-Laster mit der Aufschrift »Arbeit zuerst für Deutsche« zwischen Tausenden Fußballfans in Richtung Hauptbahnhof. Einige von ihnen brüllten: »Hier regiert die NPD!« Und das sind lediglich die sichtbaren Zeichen einer Bewegung, die sich auf den Straßen und im Stadion mittlerweile nur noch vereinzelt zeigt. Die Bewegung hat dazugelernt. Sie hat sich in Zonen breitgemacht, die der Verein und die Polizei kaum kontrollieren können. Und auch nicht stoppen.

Remmler und Lohse organisieren die Unterwanderung der Fanszene seit Jahren. Man erreicht sie per SMS, über eine Mobilfunknummer ohne Vertragsbindung, die Daten hat Lohse in einem Internetforum abgelegt. Der Neonazi Remmler und der Vereinspräsident Kubald, heute Kontrahenten, waren früher beide Hooligans. In den achtziger und neunziger Jahren prügelten sie sich für Lokomotive Leipzig, einen der erfolgreichsten Klubs der DDR, dem Nachfolger des VfB Leipzig, des ersten deutschen Meisters von 1903. Als der Verein 2003 zum zweiten Mal pleiteging, entschlossen sich Anhänger des Klubs zu einem Neuanfang in der elften Liga. Ganz unten. Dreizehn Gründungsmitglieder saßen am 10. Dezember in einer Leipziger Kneipe, um die Aufgaben zu verteilen. Der gelernte Koch Kubald übernahm den Vorsitz, der Maler und Lackierer Remmler den Verkauf der Fanartikel. Dass er schon damals in der rechtsextremen Szene aktiv war, wussten die Anwesenden. Kümmern tat es sie nicht.

Marco Remmler, 32, vorbestraft wegen Gewaltdelikten, sagt, dass er von Anfang an nur ein Ziel hatte: das Stadion von Lokomotive Leipzig zu einer »National Befreiten Zone« zu machen. Er will farbige Nachwuchsspieler ausschließen. Lok Leipzig solle »ein nationaler Familienverein werden, ausländische Spieler haben bei uns nichts verloren«. An Spieltagen klemmt er Handzettel hinter die Scheibenwischer der Autos, verkauft Schals und Wimpel. Besonders gefragt sind dunkelblaue T-Shirts, verziert mit dem Wappen von Lok, darauf der Reichsadler, umrahmt von altdeutscher Schrift: »Wir sind die Größten der Welt!«

Sein Partner fährt einen Bus mit dem Kennzeichen »L-OK 88«. 88 ist ein Code für »Heil Hitler«, zweimal das »H«, der achte Buchstabe im Alphabet. Wochenende für Wochenende trifft Remmler Kinder und Jugendliche, die sich für den Fußballverein begeistern. Sie sehen Remmlers trainierte Schultern, seinen rasierten Schädel, seine Tätowierungen. Im Stadion kursieren Geschichten aus seiner Vergangenheit, legendäre Schlägereien mit gegnerischen Fans und Polizisten. Die Jungen hier schauen zu ihm auf. Und Remmler beschreibt seine Bewegung mit Worten, die den Jungs gefallen: unangepasst, rebellisch, heldenhaft. Als Loks Mann für die Fanartikel erwirtschaftet Remmler innerhalb von drei Jahren rund 400000 Euro, ein Anteil von 15 Prozent fließt in die Klubkasse, etwa 60000 Euro. Der Verein kann die Kabinen renovieren, Fitnessgeräte anschaffen, neue Toiletten.

Lange darf Remmler schalten und walten. Das ändert sich mit dem sportlichen Erfolg. Lok spielt besser, als viele erwarten, und stürmt von Aufstieg zu Aufstieg. Damit steigt der öffentliche Druck auf den Präsidenten Kubald, sich von rechtsextremen Anhängern zu distanzieren. Die Trennung von Remmler gipfelt im Februar 2007 in einem Hausverbot. »Eigentlich wollte ich niemanden aus der Familie ausschließen«, sagt Kubald, »doch das war falsch. Manche haben mir ins Gesicht gelächelt und hinter meinem Rücken über mich gelacht.« Drei Jahre lang hat Kubald alle reingelassen, die mitmachen wollten. Er brauchte die Eintrittsgelder, die Mitgliedsbeiträge. Ob er die verlorene Zeit aufholen kann?